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Fußreise nach Darmstadt 1813


Aus: Fußreise aus der Gegend von Cassel über den Vogelsberg nach Heidelberg und Coblenz, von da zurück über einige Bäder des Taunus

Darmstadt, am 9ten Sept.: Diesen Morgen verließen wir mit dankbarem Herzen das liebe Frankfurt, besahen im Vorbeygehen in Sachsenhausen das große teutsche Haus, welches am linken Ufer des Mains liegt, und so wohl wegen seines Umfanges, als wegen seiner Bauart merkwürdig ist. Vor dem Sachsenhäuser Thore theilt sich die Chaussee in zwey; die linke führt nach Aschaffenburg, wo der Großherzog gewöhnlich sich aufhält, die rechte, welche wir einschlugen, nach Darmstadt. Anfänglich wandelt man zwischen Weingärten hin, dann hebt sich der Weg allmählig bis zur Sachsenhäuser Warte. Wer hier in einem Wagen sitzt, oder ohne sich umzukehren vorübergeht, der verliert unbeschreiblich viel, denn Frankfurt mit seinen mannigfaltigen Umgebungen von diesem Standpunkt aus betrachtet, gewährt einen, sowohl imposanten, als reichen Anblick. ...
Bey Neuisenburg, eine starke Stunde von Frankfurt, glaubte ich einen ganz neuen Weg zu passieren, ob ich ihn gleich drey Jahre vorher gekommen war. Ich fand nämlich jetzt eine gute Chaussee, wo ich damals einen Sandsee angetroffen hatte, in welchem die Wagen bis unter die Achse, die Pferde bis an den Leib versanken, und welchen selbst die Fußgänger nur mit Mühe durchwadeten. Bey Langen, einer Poststation auf der Hälfte des Weges nach Darmstadt, hatte ich das Vergnügen, unter den zerschlagenen Chausseesteinen eine Menge der schönsten dendrütischen Steine zu entdecken. ...
Zwey Stunden hinter Langen erhält man den Vorgeschmack des Genusses, der einem bis Heidelberg zu Theil wird - man steht gleichsam auf der Grenze eines Wunderlandes. Dort blickt das freundlich schöne Darmstadt über seinen Park hervor, und in brüderlicher Eintracht erheben sich, im Hintergrunde, der Felsberg und Melibocus. Mit steigender Erwartung kömmt man in einer stolzen Pappelallee Darmstadt näher, geht an dem einladenden großzerzoglichen Park vorüber, und tritt durch ein gastliches Pallisadenthor in diese Residenz. ... Dies ist nämlich die neue Vorstadt, die noch täglich erweitert und verschönert wird, und welche Darmstadt ein modernes, prächtiges Ansehen giebt.
Zu den Gebäuden dieser Vorstadt gehört auch der Gasthof zur Traube, der der schon von weitem den Reisenden freundlich einladet, und ihm durch sein Symbol andeutet, daß er hier Erholung und Heiterkeit zu erwarten hat, was er auch dort wirklich findet.

Fortsetzung. Am 10ten Sept.: ... Die Gemäldegallerie wurde durch die vortreffliche Sammlung des Grafen Truchses ansehnlich vermehrt, und enthält mehrere herrliche Stücke von berühmten Meistern; ...
Die großherzogliche Bibliothek enthält gegen 80000-100000 Bände und mehrere wichtige Handschriften; indeß ist sie noch nicht vollständig geordnet, und nicht für jeden zugänglich.
Das Naturaliencabinet, obgleich noch im Entstehen, enthält viele interessante Stücke, besonders eine reiche Sammlung in- und ausländischer Vögel; unter andern einen jungen Flamingo (Flamant Phoenicopterus ruber) der am Rhein gefangen wurde, da doch sein eigentliches Vaterland die wärmeren Gegenden der Erde, besonders die Küsten des mittelländischen Meeres sind.
Im alten Museum befinden sich viele römische Alterthümer, als: Gefässe und Opferschalen aus Herkulanum; Lampen; römische Laren; hetrurische Gefäße; Münzen; besonders mehrere herrliche Vasen, die sonst Hakert besaß - ferner Götzen der Chinesen und anderer Völker; eine wohl erhaltene egyptische Mumie; ...
Das Gymnasium, von Landgraf Georg II. 1629 gestiftet, gehört, so wie das Gießer, unbestritten zu den besten Teutschlands. Es zählt jetzt gegen 300 Schüler, die alle ein unbedeutendes halbjähriges Honorar abgerechnet, unentgeldlich unterrichtet werden. ...
Zu den hiesigen öffentlichen Bildungsanstalten läßt sich mit Recht die Artillerieschule rechnen, deren Local in der musterhaft eingerichteten und äußerst reinlichen Artilleriecaserne ist. ... Noch bemerke ich, daß diese Caserne an einem freundlichen Orte in der neuen Vorstadt, nicht weit von dem Palais des Großprinzen, stehet; und daß die obere Etage vom Herrn General Hahn und seiner Familie bewohnt wird. Dieser letzte Umstand mag viel Einfluß auf die Ordnung und Reinlichkeit des Innern haben.
Von den herrschaftlichen Gebäuden erwähne ich zuerst das Großherzogliche Schloß, von Landgraf Georg I., in der letzten Hälfte des 16ten Jahrhunderts, angefangen, aber nicht ganz vollendet. Der Flügel, den der Großherzog nebst seiner Gemahling jetzt bewohnet, wurde erst später erbauet. - Auf einem besonders dazu erbauten Thurme befindet sich ein schönes Glockenspiel, welches den Fremden, da Glockenspiele in Teutschland sehr selten sind (in Holland findet man sie in jeder Stadt, und in Brabant und Flandern sogar in jedem Dorf) angenehm überrascht. ...
Ein äußerst merkwürdiges und vielleicht in seiner Art einzigartiges Gebäude indeß, ist das Exercierhaus, welches Landgraf Ludwig IX. von dem geschickten Baumeister Schuhknecht - sein Werk beschämt seinen Namen - 1772 erbauen ließ. Es stehet an dem Paradeplatz, und ist trotz, seiner 314 Fuß betragenden Länge und seiner Breite von 152 Fuß durch keine einzige Säule unterstützt, sondern wird nebst seinem gewölbten Dache nur durch gewaltige eiserne Schraubenwerke und Banden gehalten. Gegenwärtig ist es aber, durch breterne Wände, in drey Abtheilungen geschieden - eine ist zur Reitbahn eingerichtet; in der andern stehen die Munitionswagen, und die dritte ist in ein Arsenal des Todes verwandelt, d.h. in ihr stehet die Artillerie, und von den Canonieren wird daselbst die Munition - wie von den Cyclopen im Aetna für den Jupiter die Blitze - für die Artillerie so wie für die übrigen Truppen verfertigt. Auf dem großen Boden sind zu beiden Seiten Kammern für Militaireffecten.
Der neue Marstall am Mainthor, der noch nicht vollendet ist, darf gewiß mit allen seinen Collegen in Teutschland um den Rang streiten. Er ist ein äußerst schönes, solides Gebäude. In hellen, hohen, geräumigen, netten Ständen - man dürfte sagen Cabinetten - stehen zwey hundert der edelsten Rosse, unter welchen acht weißgebohrne herrliche Schimmel der Großherzogin ... vor ihren Mitrossen hervorstrahlen, wie die Venus am Abendhimmel vor den übrigen Sternen. Nur an großen Gallatagen fährt sie mit allen vier Paaren; gewöhnlich nur mit einem.
Schade daß die große lutherische Stadtkirche durch Bogen und Säulen zu sehr verbauet ist, sie würde sonst zu den vorzüglichen Gebäuden dieser Art gehören. Die Kirche der Reformirten liegt vor dem Bessunger Thor, auf dem Todtenhof. Für die Catholiken ist, in einem Nebengebäude des Gasthauses zum Darmstädter Hof, ein Saal zur Gottesverehrung eingerichtet. In der Schloßkirche wird jeden Sonntag zweymal gepredigt, gewöhnlich von dem allgemein beliebten Herrn Oberhofprediger von Stark.
Darmstadt vergrößert und verschönert sich alle Tage; besonders prächtige, im italienischen Styl erbaute Häuser stehen in der neuen Stadtanlage, durch welche der Weg von Frankfurt nach Heidelberg führt. Auch die alte Vorstadt und der Birngarten sind Straßen, welchen man das Beywort schön nicht absprechen kann. Ironie würde es aber seyn den alten Theil der Stadt schön nennen zu wollen, da die meisten Straßen dunkel, eben nicht gerade, und, was doch abgeändert werden könnte, bey Regenwetter sehr schmutzig, und bey trocknem Wetter, außerordentlich staubig sind.
... daß wir jetzt in dem Begriff sind, den den nahen Herrengarten oder in das Bosket zu gehen. Kein Cherub, mit einem Schnurrbart, verwehrt Ihnen durch vorgehaltenes Bajonett oder durch einen gezogenen Säbel den Eingang. Nach Westen zu stößt dieser Garten, der seine schönsten Anlagen dem Herrn Oberhofmarschall von Perglas verdankt, an die Frankfurter Chaussee und nimmt ein beträchtliches Areal ein. Schattige Alleen, dunkle Irrgänge, einladende Ruheplätze, Eremitagen, Teiche mit niedlichen Gondeln und stolzen Schwänen, englische Partien wechseln mit einander ab. ... An einem schaurig stillen Platze eines dunklen, einsamen Tannenhains zeigt eine Urne aus weißem Marmor das Grabmahl der Landgräfin Christine ... An dem Ausgang des Gartens, nach dem Sporer Thor hin, kömmt man an die herrschaftliche Meierey, in der sich Kühe befinden, vor denen sogar die sieben fetten Pharaonischen schamroth werden müßten.
Der Garten des Landgrafen Christian, vor dem Jägerthor, an der Straße nach Dieburg, verdient, besonders seiner vortrefflichen Lage wegen besucht zu werden. Da er an eine beträchtliche Anhöhe sich lehnt; so ist die Aussicht von da vorzüglich bey Sonnenuntergang, entzückend - Darmstadt, die ganze Gegend nach Großgerau, der stolze Rhein, die Gebirge an der Bergstraße alles in der mildesten Abendbeleuchtung.
Einen angenehmen Spaziergang kann man auch vor das Bessunger Thor, nach dem Garten des Herrn Oberforstmeisters von Riedesel machen. Ein schönes, von ihm bewohntes Landhaus, nebst den dazu gehörigen Oeconomiegebäuden umschließt dieser Garten, der sich bis an die Heidelberger Chaussee hinzieht. Von hier hat man nur wenige Schritte nach dem Bessunger Herrengarten, der mit englischen Partien, Bassins, Pavillons, Ruhebänken u.d.gl. geschmückt ist. Der Adel macht nicht selten, an heitern Sommerabenden, Landpartien hierher. Aus diesem Garten geht man durch das Dorf Bessungen, das, eine Viertelstunde von Darmstadt entfernt, die Caserne für das schöne Regiment Garde Chevauxlegers enthält, nach dem Obern Bessunger Herrengarten. Er hat viele Vorzüge vor seinem Namensverwandten, und man findet dort eine Orangerie, ein Treibhaus, und drey Springbrunnen. Ob es gleich etwas altmodig aussieht, so nehmen sich doch die starken Hecken von Nadelholz gut aus. Zu den Umgebungen Darmstadts gehören ferner der Carlshof, eine reizende Villa des Herrn von Barkhausen, mit einem prächtigen Garten und großen landwirthschaftlichen Gebäuden. In fünfzehn Minuten kann man dieß anziehende Landgut erreichen, welches nach Frankfurt zu etwas von der Landstraße entfernt liegt. Am Sonntag belustigen sich hier die niedren Classen bey Musik und Tanz; doch wallfahrten an Nachmittagen auch zuweilen Honoratioren hierher.


     
  Darmstadt von der Ostseite, 1819  
     
Darmstadt von der Ostseite, 1819


28.11.22 19:01 breiter Kristof [0 Kommentare]