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Stadtrundgang Darmstadt (Teil 4)


Bei Teil 3 des Stadtrundgangs sind wir in der Hinkelsgasse angekommen. Von dort biegen wir rechts ab, in die Lindenhof-Straße.

  • Bild 1: Hier in der Lindenhof-Straße schauen wir zurück nach Westen. Man sieht, wie die beiden Häuser links und rechts in die Stadtmauer hineingebaut wurden. Im Adressbuch 1867 sind dies Hinkelsgasse Nr. 21 ("Böttinger, Joh., Maurer") und Nr. 23 ("Hartmann, Phil., Schreiner"). 1905 tragen die Häuser die Adressen Hinkelsgasse Nr. 21 ("Gesemann, Gustav, Gelbgießers Ww.") und Lindenhof-Straße 4 ("Castritius, Ph., Privatin"). Rechts hinter der Mauer befindet sich der "Mercksche Garten". Wann das Bild genau aufgenommen wurde, kann ich allerdings nicht sagen.
  • Bild 2: Wagen wir uns doch einmal auf dieses Gelände des "Chemischen Laboratoriums von Merck", offenbar ist es bereits geräumt. Beim Blick nach Westen erkennt man, wie sich die Stadtmauer in den Rückseiten der Häuser der Großen Caplaneigasse fortsetzt. Der Giebel ganz links ist wieder die Hinkelsgasse 21, dann folgen Lindenhofstraße Nr. 4 sowie Große Caplaneigasse Nr. 35 und 37. Später -also 1909- entsteht auf diesem Gelände das Hallenbad, hier die selbe Stelle auf einem Bild von 1935.
  • Bild 3: Verlassen wir nun dieses Gelände und schauen noch einmal vom Norden in die Grosse Caplaneigasse selbst. Geradeaus schauen wir quasi die alte Stadtmauer entlang. Links ist der Mercksche Garten, offenbar noch intakt. Das Bild ist mit "Katzenmauer, Große Kaplaneigasse 1889" beschrieben.
  • Bild 4: Drehen wir uns an genau dieser Stelle um und schauen nach Norden. Der Anblick des Altstadtdurchbruchs kommt uns bekannt vor, im zweiten Teil des Rundgangs haben wir diese Gegend auf Bild 7 schon einmal gesehen. In den Mitte Haus Große Caplaneigasse Nr. 56 ("Harres, Eduard, Baumeister"), links daneben mit der offenen Wand ist Nr. 58 ("Repp, Adam, Schumachers Erben"), links dann Sack-Gasse 20 ("Döll, Friedrich, Küfer"). Am Ende der Großen Caplaneigasse steht das "Provizial-Arresthaus".
  • Bild 5: Aber widmen wir uns doch noch ein wenig der Merckschen Fabrik. Die meisten Fabrikgebäude befanden sich nördlich und südlich des Mühlwegs. Ursprünglich befand sich in dieser Gegend einmal der "Grosse Waisengarten" und später auch der Lindenhof, ein großes, altes Ausflugslokal. Schließlich hat sich aber dort Merck ausgebreitet. Auf unserem Bild wird das Gelände offenbar gerade geräumt, wir sehen in der Mitte noch die von Merck übernommenen Gebäude des Lindenhofs, dahinter auch noch eine Fabrikhalle. Zur Orientierung hilft evtl. ein Blick auf eine Gesamtansicht der Firma Merck aus den 1890er Jahren. Von unten (also von Westen) kommend treffen dort Lindenhofstraße und Mühlstraße aufeinander und münden in den Eingang des Fabrikgeländes (zuvor der Eingang des Lindenhofs). Links des Eingangs steht ein zweigeschossiges Haus mit Walmdach (links davon schlängelt sich der Mühlweg nach Osten), rechts vom Eingang steht ein einfaches kleines Häuschen. Ein paar Meter weiter auf dem Gelände schließlich steht noch ein eingeschossiges Haus mit Mansardendach. Genau dieses Ensemble sehen wir auch noch auf unserem Bild, unverkennbar das Mansardendach beim Blick von hier Richtung Norden. Die Gebäude sind allerdings auf der Karte schon verschwunden. Links hinter dem Baum das Eckhaus der Lindenhofsstraße / Mühlstraße, am linken Bildrand die Mühlstraße Nr. 36 ("Cafe Chaos").
  • Bild 6: Sehr viel klarer wird die Situation bei einem Blick nach Westen über das ganze Gelände von einer Position weiter im Osten. Das Lindenhof-Ensemble ist inzwischen auch geräumt, eigentlich ist nur noch der Mühlweg selbst vorhanden. In der Mitte hinten wieder die Mühlstraße Nr. 36 ("Cafe Chaos"), dann die Mühlstraße Nr. 37 und das Eckhaus der Lindenhofsstraße / Mühlstraße. Im Hintergrund die Stadtkirche und das Schloß. (Den Abriss selbst sieht man aus fast der selben Perspektive auf diesem Bild. Es gibt auch noch ein Bild vom intakten Merckschen Gelände, wo wir exakt in Gegenrichtung schauen, nämlich vom Eckhaus der Lindenhofsstraße / Mühlstraße über die Lindenhof-Gebäude Richtung Osten.)
  • Bild 7: Nun verlassen wir das Mercksche Gelände und laufen ein gutes Stück nach Süden, und auch ein gutes Stück zurück in der Zeit. Das nächste Bild ist allerdings ein wenig rätselhaft. Wir befinden uns an einer Stelle zwischen kleinem Woog und alter Stadtmauer (der Hinkelsturm ist nicht im Blick) und schauen die Stadtmauer entlang Richtung Südwesten (hinter der Stadtmauer die Hinkelsgasse). Im Hintergrund steht das Pädagog, das Haus geradeaus scheint das "Teichhaus" zu sein. Wir haben es mit einer Fotographie zu tun, also würde ich eher die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts erwarten. Andererseits wurde der kleine Woog 1861 zugeschüttet und spätestens 1866 wäre dieser Blick nicht mehr unverbaut möglich gewesen. Unklar auch, was für Erdarbeiten im Vordergrund stattfinden. Sehen wir den Rand des zugeschütteten kleinen Woogs? Oder sind es die Reste der Fischteiche, die sich dort im 18. Jhd. befunden haben? Oder handelt es sich um den Beginn der Bauarbeiten für die Turnhalle bzw. des Stadtbauamts? Unklar ist mir auch das Haus geradeaus. Es scheint in der Flucht der Stadtmauer zu stehen, aber deutlich an der Aussenseite. Nun gibt es diese spätere Illustration dieser Stelle, möglicherweise sogar basierend auf unserem Foto. Der Blickwinkel ist identisch. Die Illustration trägt den Titel "Am Teichhaus um 1850", das weiß verputzte Haus mit dem Krüppelwalm ist also wohl das "Teichhaus". Wir finden dieses Haus auch auf einem anderen Bild, das laut Stadtlexikon aus der Zeit um 1830 stammt. Damals war es freilich noch unverputzt. Auf den Karten ist das Haus im 18. Jhd. auch verzeichnet, z.B. hier 1799 als Teichmeisterei. Nach 1800 ist auf den Karten zunächst einmal kein Haus mehr außerhalb der Stadtmauer zu erkennen. Erst 1866 gibt es an der Stelle wieder ein Haus, das von der Lage her passen könnte. Es trägt die Nummer 4. Es gibt allerdings zu der Zeit und auch später weder eine Soderstraße 4 noch eine Woogstraße 4. Das Haus bleibt uns noch einige Jahre mit dieser weiterhin rätselhaften Nummer erhalten, z.B. 1874 und 1878. Danach gibt es keine Spur des Teichhauses mehr.
  • Bild 8: Wie gesagt wurde 1861 der Kleine Woog zugeschüttet, der Woogsplatz entstand dort und auch mehrere Gebäude. Unser Bild zeigt den Blick von diesem Platz nach Westen die Woogstraße entlang in die Altstadt, im Hintergrund die Stadtkirche. Eine Datierung und die Identifizierung der Häuser fällt nicht leicht. Im Wesentlichen ist die Situation so, wie wir sie auch im Plan von 1866 finden. Leider sind die Hausnummern auf diesem Plan kaum zu lesen, bzw. schwer den Straßen und Plätzen zuzuordnen. Das Haus rechts (mit einem Totenkopf am Giebel) ist offenbar Woogsplatz Nr. 6. Im Adressbauch von 1867 ist dort "Weber, Johann Heinr., Weißbinder" aufgeführt.
    Das Haus links (mit dem Schild "Woog Platz") ist wohl das, was 1866 mit einer 12 bezeichnet ist. Einen Woogsplatz 12 gibt es aber nicht, auch keine Woogstraße 12. Es gibt eine Mühlstraße 12, und eine Soderstraße 12 (1867: "Schmidt, Jacob, Hofgartenaufseher"). 1874 trägt das Haus auf dem Stadtplan die Nummer 11 (ein Fehler?), aber es gibt auch keinen Woogsplatz 11 und keine Woogstraße 11, Soderstraße 12 existiert aber noch in den Adressbüchern ("Schmidt, Jacob, Erben des Hofgartenaufsehers"). 1878 dann verschwindet das Haus von der Karte und die Nr. 12 wandert zum Gebäude direkt an der Soderstraße. Die "Erben des Hofgartenaufsehers" haben das Grundstück zwischen Woogstraße und Soderstraße wohl verkauft, unser Haus wurde dann abgerissen und diese Stelle im Weiteren nicht wieder bebaut. Unter Soderstraße 12 steht nun im Adressbuch "Rummel, Carl, Rentner". Unser Bild ist also vor 1878 entstanden.
    Wir wissen nun, daß das Haus, das stolz ein Schild "Woog Platz" trägt, eigentlich die Soderstraße Nr. 12 ist. Allerdings ist das Haus deutlich älter als der Woogsplatz und auch als die Soderstraße. Wir erkennen es z.B. mit seiner markanten Ausrichtung auf einer Karte von 1836, auf der schon früh die Soderstraße und die Woogstraße geplant sind. Das Haus liegt dort direkt am See. Sogar 1799 ist es vermutlich schon eingezeichnet. Auf diesem bereits bekannten Bild aus den 1830er-Jahren können wir das Haus am linken Rand erahnen, romantisch eingewachsen.
    In der Zeit vor 1866 fehlt uns die Soderstraße, um das Haus in den Adressbüchern zu finden, wir müssen also nach Jacob Schmidt suchen. 1858: "Schmidt, Jacob, Gärtner, am kl. Woog H 155", 1844/1845: "Schmidt, Jacob, Gärtner, am kl. Woog H 155" und 1840: "Schmidt, Jacob, Maurer, am kleinen Woog H 155". Davor kann ich das Haus nicht mehr finden.
    Schauen wir auf unserem Bild die Woogstraße hinunter, so sehen wir rechts das "Stadtbauamt" (später "Aichamt"), dahinter der kleine Platz "An der Aich" und schließlich in der Mitte die Ecke des Häuserblocks, der um 1885 abgerissen werden sollte, um "die Insel" zu werden. Das "Teichhaus" von Bild 7 sehen wir nicht direkt, allerdings ahnen wir links den Schatten eines Hauses mit Krüppelwalm.
  • Bild 9: Gehen wir einfach ein paar Schritte nach vorn, der selbe Blick in die Woogstraße, es ist keine Änderung zu erkennen. Aber ein paar Jahre später dann: Die Baulücke neben dem "Stadtbauamt" ist geschlossen, und die Bebauung auf der "Insel" ist verschwunden.

Im nächsten Teil des Rundgangs schauen wir uns dann die Gegend rund um das Pädagog an.


     
  Bild 1: Stadtmauer  
     
Bild 1: Stadtmauer

     
  Bild 2: Stadtmauer  
     
Bild 2: Stadtmauer

     
  Bild 3: Katzenmauer  
     
Bild 3: Katzenmauer

     
  Bild 4: Große Caplaneigasse  
     
Bild 4: Große Caplaneigasse

     
  Bild 5: Mercksches Gelände  
     
Bild 5: Mercksches Gelände

     
  Bild 6: Mercksches Gelände  
     
Bild 6: Mercksches Gelände

     
  Bild 7: Stadtmauer  
     
Bild 7: Stadtmauer

     
  Bild 8: Woogsplatz  
     
Bild 8: Woogsplatz

     
  Bild 9: Woogstraße  
     
Bild 9: Woogstraße

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12.05.21 17:22 breiter Kristof [0 Kommentare]